Der Schmetterling oder die Suche nach dem Sinn des Lebens

 

 

 

Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken.

(Novalis)

 

 

Mein kleiner Garten, darin ein großer Mirabellen Baum.

Ein Schmetterling sitzt auf einem Lavendelbusch.

Versuche ihn zu fangen. Er flattert davon.

Viel später, als ich erwachsen war:

Immer wenn ich einen Schmetterling sehe, ist es wie eine Ermahnung: schreib.

Geh nach innen. Finde dich.

 

Erkenne dich Selbst, stand über dem Orakel von Delphi.

Doch was ist das Selbst? Was muss ich erkennen?

 

Zurück im Gärtchen meiner Kindheit.

Einzig das Gefühl der Einheit mit der Natur. Sonne der ersten Frühlingstage, die meine Haut wärmt. Laue Luft auf unbedeckten Beinen. Das Gefühl von Freiheit.

 

Ist das das Selbst, ganz eins mit sich? Ganz im gegenwärtigen Moment?

 

Mittlerweile weiß ich: Die Schönheit eines Ortes wird primär davon bestimmt, wie man in dem Moment zu sich selbst und der Welt steht.

 

Doch wie erreiche ich diese positive Einstellung zu mir, zur Welt, dass alles zu Schönheit, Glück und Erfüllung wird.

 

Lange Jahre schien dies nicht möglich, Glück und Zufriedenheit nicht etwas, das man durch entsprechende Haltung erreicht. Es schien völlig willkürlich.

 

Irgendwie war da immer eine Trauer über etwas Verlorenes.

 

Das Gefühl, dass mein Blut behäbig durch meine Adern fließt. Manchmal schien es stillzustehen.

Wie mein Leben, dessen Sinn ich suchte. Doch der schien mir abhandengekommen.  Wann bloß, frage ich mich? Ich kann mich nicht erinnern. Diese Gefühllosigkeit muss sich langsam und unmerklich eingeschlichen haben.

Ist in meinen Adern geflossen, wie eine tödliche Krankheit. Es gibt Tage, da schleppe ich mich dahin, ohne Antrieb.

 

Gedanken an meine Mutter werden wach.  Stillen wollte sie nicht, Fläschchen schienen praktischer. Frühe Taktung, die das weitere Leben bestimmt hat. Eine Woche nach meiner Geburt arbeitete sie wieder. Sie setzte mich in ein Ställchen. Ich durfte keinen Laut von mir geben. Früh gelerntes Schweigen. Zum Schweigen gebracht auch mit Nahrung. Jeweils zu entsprechenden Zeiten in Mengen, die nicht zuträglich waren. Ich wurde still – müde.

 

Da muss es angefangen haben, diese Gefühllosigkeit. Nicht nach Nähe weinen dürfen, nicht wegen Hunger. Nur still sein. Nicht da sein.

Einzig in der Mittagspause und am Feierabend leben dürfen. Doch da empfand ich die plötzlichen Gefühle meiner Mutter eher abstoßend. Zu intensiv. Sie hatte nun Zeit. Ich musste für sie da sein.

Nur zu gut erinnere ich mich an ihre Haare, wenn sie sich im Kinderwagen über mich beugte. Ich mochte diese Haare nicht. Sie fühlten sich rauh an, nahmen mir die Luft zum Atmen, das Licht.

 

Vielleicht habe ich da aufgehört zu lieben.  Wie soll man lieben, wenn man nicht existiert?

 

Doch der Liebe kann man nicht entfliehen. Die Liebe findet dich.

 

Ich sehnte mich nach Liebe. Einer Liebe nicht von dieser Welt. Und ich wollte aufbegehren. Die wohlbehütete Frankfurter Kindheit abschütteln.

 

Die Sattheit der Nachkriegsjahre. Wo alles im Überfluss vorhanden war. Die Regale am Kopfende meines Betts gefüllt mit Vorräten von Lebensmitteln, die in regelmäßigen und großen Mengen beschafft wurden, so als könnte es immer noch zu Knappheit kommen.

Die Designerkleidung und das Einkaufen in den teuersten Geschäften. Es war normal.

Auch normal, dass alle 2 Jahre ein neues Auto gekauft wurde – in der immer gleichen Farbe silbermetallic, und sehr lange ein Citroen Pallas, damit es nicht so auffiel, dass es jeweils das neueste Modell war. Diese Sattheit ließ jegliches Interesse an Materiellem schwinden.

Meine Rettung waren Bücher und die Ideen von Künstlern und freien Geistern. Beim Lesen schien sich die kleine bürgerliche Welt zu öffnen und es entstand ein Gefühl des Verstanden Werdens.

Im Gegensatz dazu drehten sich die elterlichen Gespräche um Patienten und Schwierigkeiten in der zahnärztlichen Praxis.

Ergänzt wurde dieses bürgerliche Zuhause mit regelmäßigen Besuchen von Klassikkonzerten, Opern und Ballett.

 

Ich begehrte auf, gegen diese Bürgerlichkeit.

Demonstrierte gegen die Startbahn West.

 

Im Hunsrück sollten SS20 Raketen stationiert werden. Ich entschloss mich, zu einem Frauencamp zu fahren. Wir lebten auf der Wiese eines Bauers. Als Dusche diente ein Gartenschlauch, man durfte nur Bio-Waschmittel benutzen. Alle schliefen im Zelt. Abends wurde ein Lagerfeuer angezündet. Am Tag wechselten wir uns ab mit den Wachen an den Stellen, wo im Wald die Zufahrt für die SS 20 Raketen war. Es gab dort einen Schlagbaum und die Polizei stand davor und wir auf der anderen Seite des Schlagbaums.  Die Autokennzeichen all unserer Autos waren längst registriert. Meine gelbe Ente wohlbekannt bei den Polizisten. Es war eine wunderbare Zeit mit den Frauen. Ich verliebte mich in eine Frau.

Es hat sich daraus nicht viel entwickelt, denn unabhängig vom Camp blieb wenig von diesem Gefühl. Das Camp war eine der schönsten Zeiten meines Lebens gewesen. Völlig eins mit der Natur und meinem Leben.

 

Ich beschließe Germanistik in Marburg zu studieren.

Am Beginn des Studiums lerne ich Matthias kennen.

Er ist Tutor von Professor G. Er gefällt mir sehr, seine sehr feine Art – die leichte Unsicherheit.

 

Seine Schrift und das Arrangement des Schreibtischs, mit Montblanc und Tintenfass.

 

Die primäre Erinnerung an diese Zeit ist, dass ich abends weggehe, Spaß habe und mich in der Nacht zurück in sein Zimmer schleiche, seine Nähe, seine Wärme genieße.

 

Einige Zeit geht das gut – mein Weggehen, meine Freiheit und die Geborgenheit bei ihm. Doch eines nachts hat er die Tür abgeschlossen. Ich klopfe leise, höre, wie er sich umdreht im Bett. Er ist wach, doch er öffnet nicht. Nicht in dieser Nacht und auch in keiner weiteren.

 

Geblieben: die Liebe zu kostbaren Schreibgeräten.

 

Danach machte ich eine Therapie nach C.G. Jung. Sie half zunächst, doch es blieb nicht. Die Dunkelheit kehrte zurück.

Ganz besonders nach meinem Studienabschluss. Ich wusste nicht weiter.

Gähnende Leere in meinem Innern.

 

Da berichtet meine Jungsche Therapeutin von einem Mahatma (einer großen Seele – Ghandi nicht unähnlich), die sie kennengelernt habe. Ich war fasziniert von dem, was sie mitteilt.

 

Ich mache mich auf nach Zürich, wo ich die junge Inderin treffen werde. Die Begegnung haut mich um, mein Verstand ist völlig ruhig. Nachher laufe ich durch die Stadt und habe das Gefühl, wie auf Wolken zu laufen.

Ich beschließe, nach Indien ins Kloster von A. zu fahren.

 

Südindien 1996

Die Stimmung ist festlich, schon fast wie auf einer Party. Ich stehe auf dem Balkon des Hauptgebäudes. Musik hallt durch die Nacht. Laue, feuchtwarme Luft der Tropen, die leicht benebelt. Palmen rauschen im Wind. Die Musik, die Wärme, die tropische Luft: plötzlich sehe ich Bilder aus den 20zigern. Ich sehe mich im weißen Plisseerock mit Stirnband, die Musik hat zu Charleston gewechselt. Die Männer tragen Anzüge in Weiß. Ewiges Spiel von Anziehung und Liebe.

Diese Bilder sind realer, als die momentane Situation.

Immer wieder rutsche ich in Erinnerungen der 20ziger. Auch einmal, im Lila Palace Hotel, wo wir mit S. eine Nacht auf Einladung des Besitzers verbringen. Ich liege auf dem Bett des Luxuszimmers, habe nichts zu tun als wunderschön auszusehen. Genieße die Schönheit, das laszive Nichtstun, als wäre mein Leben immer so. Merkwürdig, diese Affinität für den Luxus, das schöne Sein, die Ästhetik, andererseits würde ich nichts explizit dafür tun, diesen Luxus zu bekommen. Er ist einfach da, in diesen Bildern aus einer anderen Zeit.

 

Wie im Hause D‘s. Ich mache für den Theseus Verlag ein Buch mit S.D. Die Ästhetik und Schönheit der Villa in Bogenhausen genieße ich, auch die der Villa am Bodensee. Dass das Mittagessen liebevoll von der Hausangestellten gekocht wird – die wievielte, weiß ich schon nicht mehr. Es ist in der Regel immer ein ähnlicher, etwas scheuer Typ.

Ich mag die Küche sehr, mit dem kleinen Tisch zum Essen und der Besteckschublade mit dem Silber. Hier ist es unkonventioneller – das wäre früher nur für die Angestellten gewesen.

Jetzt sitzen S. D. und ich hier. Einmal kochte er sogar für mich – sehr berührend.

 

Wie die Erfahrung mit S. – Jahre später.

Ich treffe ihn das erste Mal in der Nähe des Römers. Er ist mir auf den ersten Blick sympathisch. Schöne, tiefgründige Augen, ein fast schon verschmitztes Lächeln. Nicht sehr groß. Kurze Haare – die trotzdem zerzaust wirken. Das jedoch nimmt etwas von der Strenge, die ich ebenfalls wahrnehme und etwas sehr Ernstes.

Eine Ausstrahlung, die mich gleichermaßen anzieht wie auch abstößt. Nicht unähnlich der charismatischen Ausstrahlung meines Vaters, von dem ich mehr und mehr spüre, wie sehr ich ihn mochte und wieviel seines Wesens er mir vererbt hat und dessen unkalkulierbare Gewaltausbrüche meine Kindheit und Jugend bestimmten.

Wir gehen gemeinsam in ein Restaurant. S. schiebt sein Fahrrad. Hinkt leicht. Ich traue mich nicht zu fragen warum, denke an einen Bestrahlungsschaden. Mein ehemaliger Freund Carlos konnte nach einem solchen gar nicht mehr laufen und musste dieses mühsam Wiedererlernen.

Beim Italiener ist viel los. Die Gegenwart von S. lässt mich jedoch irgendwie verstummen – ich genieße das Schweigen mit ihm. S. deutet es als Unfähigkeit zur Kommunikation.

Doch er berührt mich. Das macht mich still, wortlos.

Das scheint er so nicht zu kennen.

Er schließt daraus, dass ich schreiben solle. Eher als Sprechen.

Irgendwie gelingt es mir, den Rest des Abends dennoch zu kommunizieren.

 

Zurück im Hotel gerate ich in einen weltentrückten Zustand. Ich kenne diese Zustände aus meiner Zeit in Indien. Da hatte ich diese oft. Sicher einer der Gründe, warum ich so lange in diesem widersprüchlichen Land geblieben bin (habe dort 10 Jahre mit jeweiligen Unterbrechungen gelebt). Es ist als hätte S. etwas befreit, ausgelöst, durch sein intuitives Erkennen meiner verborgenen Sehnsucht zu Schreiben. Langgehegter Traum. Er hat diesen Traum erkannt.

Ungewöhnlich, nach so kurzer Zeit des Kennenlernens. Doch S. ist Coach.

 

Der Zustand ist total entspannend. Ein wenig von der Energie vor und ganz viel von nach dem Orgasmus. Loslassen, sich auflösen, in Ekstase sinken. Grenzen, die sich verwischen – Einheit.

 

Als ich ihm bei einem weiteren Treffen von diesem Zustand erzähle ist unklar, ob er es nachempfinden kann – es scheint ihn jedoch sehr zu interessieren.

 

Klar ist: das Mystische ist weniger Teil seines sehr rationalen intellektuellen Weltbildes.

Doch bin ich ihm unglaublich dankbar dafür, dass er mir unmissverständlich klar gemacht hat, dass meine Passion das Schreiben ist.

 

Den roten Faden meines Lebens erkennen. Zu verstehen: warum lebe ich.

Hinter die Erfahrungen zu schauen, sie im Kontext des eigenen Lebens begreifen.

Das Erfahrene umzusetzen. Um letztlich einzutauchen in Stille und Glück.

Schwer in Worte zu fassen.

Womöglich aber auch der Versuch, Leid zu vermeiden.

 

Die Formel für endloses Glück zu finden.

 

Schreiben gehört definitiv dazu. Leise Aufgeregtheit, wie zu Beginn des Germanistikstudiums.  Fast wie Verliebtheit. Einzig zu tun, was mich wirklich berührt.